Organisationstalent Winfried Wehrmann tritt Dienst in Martin-Luther-Kirchengemeinde an

Eigentlich hat Pfarrer Winfried Wehrmann mit Sport nur wenig am Hut. „Früher habe ich sehr gerne Basketball gespielt. Aber heute ...“, sagt er und schüttelt lächelnd den Kopf. Dabei ist dem Pfarrer in den vergangenen Jahren ein bemerkenswerter Dreisprung geglückt, um den ihn so mancher Leichtathlet beneiden

würde. Zunächst war er Vertretungspfarrer in der Evangelischen Martin-Luther-Kirchengemeinde Wirges, dann deren Vakanzverwalter – und nun ist er dort als Hauptamtlicher tätig. Heute, einige Wochen nach seinem offiziellen Dienstantritt in Wirges weiß Wehrmann, dass dieser lange Anlauf genau das Richtige war. Denn so hatten Pfarrer und Gemeinde genügend Zeit, sich kennen- und schätzen zu lernen. Im Interview spricht der gebürtige Hesse über alte Lebensmuster, neue Impulse und seine heimliche Leidenschaft für Excel-Tabellen.



Herr Wehrmann, in einem Zeitungsinterview, das Sie zu Beginn Ihres Dienstes als Wirgeser Interimspfarrer gaben, klangen Sie noch ausgesprochen vorsichtig: Sie haben erklärt, aus Rücksicht auf Ihren Nachfolger keine besonderen Akzente setzen zu wollen. Jetzt sind Sie plötzlich Ihr eigener Nachfolger: Hätten Sie die Dinge anders angepackt, wenn Sie das vor anderthalb Jahren gewusst hätten?
Winfried Wehrmann: Na ja, ich bin meinem Vorsatz nicht sonderlich treu geblieben und habe schon mal den ein oder anderen Schwerpunkt gesetzt (lächelt). Beispielsweise haben wir im vergangenen Jahr unsere Taufgottesdienste zu Familiengottesdiensten umgestaltet, die nun immer am dritten Sonntag eines Monats stattfinden. Diese Gottesdienste sind sehr kindgerecht, und ich wünsche mir, dass wir mit ihnen nicht nur die Tauf-, sondern alle Familien aus unserer Kirchengemeinde erreichen. Es gibt zwar schon viele tolle Angebote in diesem Bereich, etwa unsere Jungschargruppe, den Kindertag oder den Kindergarten. Aber jetzt gilt es, diese Einrichtungen besser miteinander zu vernetzen, sodass die Leute verstehen, dass Evangelische Kirche auch etwas für Familien und Kinder ist. Wirges ist eine sehr offene Stadt, in der Neulinge gut aufgenommen werden.  Diese offene Grundatmospähre ist ein guter Boden für die Gemeindearbeit.

Ihr eigener Start in Wirges – damals noch als Vertreter des ehemaligen Pfarrers Wilfried Steinke – liegt nun schon fast drei Jahre zurück. Wie war’s am Anfang für Sie?
Die Gemeinde und der Kirchenvorstand haben mich sehr herzlich und offen empfangen. Übrigens nicht nur in Wirges, sondern auch in Wallmerod, wo ich mit einer halben Stelle tätig war. Deshalb ist mir der Abschied von dort sehr schwer gefallen. Aber letzten Endes ist dieses gelebte Bruchrechnen schwierig: Außer der halben Stelle in Wahlrod hatte ich die Viertelstelle in Wirges und eine weitere Viertelstelle in Neuhäusel. Es ist gut, dass ich nun mit einer vollen Stelle in Wirges bin und mich ganz auf diese Gemeinde konzentrieren kann. Die Herzlichkeit spüre ich während der Kirchenvorstandssitzungen in Wirges übrigens immer noch – auch wenn es natürlich ab und an mal menschelt.

Lassen Sie uns doch mal über Ihren Werdegang sprechen: Wirges ist schließlich nicht ihre erste Station als Pfarrer ...
Eigentlich komme ich aus einem freikirchlichen Umfeld, aber diese Art zu glauben wurde mir während meines Zivildienstes zu eng. Denn als Zivi habe ich Menschen und Schicksale kennengelernt, denen meine recht simplen Lebenserklärungen nicht gerecht wurden. Das hat aber nicht dazu geführt, dass ich meinen eigenen Glauben über Bord geworfen habe. Ganz im Gegenteil: Ich wollte mehr über ihn wissen. Deshalb habe ich Anfang der 80er-Jahre in Marburg und Kiel Theologie studiert. Später war ich zehn Jahre Gemeindepfarrer in Bad Camberg und habe dann als Springer im Dekanat Nassauer Land nacheinander sieben Gemeinden betreut. Währenddessen lernte ich auch meinen Wirgeser Vorgänger Wilfried Steinke kennen. Mit ihm habe ich quasi den Dienst getauscht: Er kam als Selterser Pfarrer nach Bad Ems, ich ging von Bad Ems nach Selters und blieb dort bis 2014.

Und Ihre kritische Art zu glauben haben Sie sich während all der Jahre bewahrt?
Mein Grundsatz ist: Das, was ich glaube und erlebe muss zusammenpassen. Für mich geht’s um die Fragen, woran ich den Glauben festmachen kann und was dieser Glaube bewirkt. Man kann Gott ja nicht sehen. Man kann aber lernen, die Wirklichkeit aus Seinem Blickwinkel zu betrachten. Meine Aufgabe als Pfarrer ist es, eine Brücke für die Menschen zu bauen und ihnen eben das zu zeigen: wie sie die Wirklichkeit aus Gottes Blickwinkel sehen können. Konkret bedeutet das zum Beispiel: Gott ist auch im Leiden da. Es liegt also an mir, dass ich in schweren Zeiten die Flinte nicht ins Korn werfe, sondern mit Gottes Hilfe weitermache. Ich bin davon überzeugt, dass ein Christ stärker durchs Leben geht kann als ein Mensch, der nicht glaubt.

Sie waren drei Jahre lang in der Notfallseelsorge tätig und haben dort Menschen betreut, die unfassbares Leid erfahren haben. Inwieweit hat Ihnen diese göttliche Sicht auf die Dinge bei dieser Tätigkeit geholfen?
Ich wusste, dass Gott auch in diesem Leid da ist. Das hat mich in der jeweiligen Situation entlastet und mir die Freiheit gegeben, einfach nur bei dem Menschen zu sein und zuzuhören. Es hilft nichts, den Leuten irgendeinen frommen Spruch zu präsentieren, wenn sie doch gerade ein furchtbares Unglück erlebt haben. Das passt in diesem Moment nicht. Zuallererst geht es darum, dass sich diese Menschen im Leiden nicht alleine fühlen. Bedauerlicherweise gehört die Notfallseelsorge zu denjenigen Dingen, die ich in meinem Leben kappen musste. Denn es wurde einfach zu viel. Inzwischen kenne ich meine Grenzen.

Was hilft Ihnen denn, diese Grenzen nicht zu überschreiten? Was gibt Ihnen Kraft?
Mir hilft’s, dass ich meine Arbeit und mich selbst klar strukturiere und organisiere. Ich liebe Mindmaps und Excel-Tabellen – deswegen werde ich schon der „Pfarrer mit dem Laptop“ genannt. Außerdem gibt’s in Wirges viele gute Ehren- und Hauptamtliche, die ich sehr schätze. Ein Wahnsinn, was die während der Vakanz geleistet haben! Somit kann ich mich im Rahmen meiner Grenzen gut bewegen.

Abschließend: Was wünschen Sie der Wirgeser Martin-Luther-Gemeinde?
Ich wünsche mir, dass sich die Gemeinde ihre Offenheit und das gute Miteinander bewahrt und wachsen lässt. Und ich hoffe, dass Gott uns als Kirchengemeinde immer wieder das richtige Gespür für den richtigen Zeitpunkt schenkt – sowohl im Blick auf Neues als auch im Blick auf das, was man getrost hinter sich lassen kann. Alles hat eben seine Zeit.

Das Gespräch führte Peter Bongard (bon)

Im Detail:

Die Martin-Luther-Kirchengemeinde Wirges – zehn Orte, zwei Pfarrstellen
Die Evangelische Martin-Luther-Kirchengemeinde Wirges hat rund 2700 Mitglieder und umfasst die Ortschaften Wirges, Bannberscheid, Boden, Dernbach, Ebernhahn, Leuterod (mit Hosten), Moschheim, Ötzingen (mit Sainerholz), Siershahn und Staudt.
Winfried Wehrmann, geboren 1958 in Dillenburg, ist Nachfolger des Pfarrers Wilfried Steinke, der Wirges im Frühjahr 2016 verließ und inzwischen Gemeindepfarrer im Dekanat Nassauer Land ist. In Wirges gibt es zwei Pfarrstellen: Die eine hat Winfried Wehrmann inne, die andere ist zurzeit vakant, wird aber von Pfarrer Klaus Groß als Vakanzverwalter betreut. (bon)