Beeindruckender Abend in Montabaurer Lutherkirche

Gleiche Besetzung, neuer Ort: Die Montabaurer Lutherkirche ist diesmal die Kulisse des großen Reformationskonzerts des Evangelischen Dekanats Selters. Und das ist durchaus ein Experiment. Denn im Gegensatz zur Selterser Kirche, in der die vergangenen großen Dekanatskonzerte stattfanden, hat der Klang in dem

modernen Gotteshaus nur wenig Nachhall. Die trockene Akustik kann Segen und Fluch zugleich sein: Sie macht die Musik durchhörbar und transparent, zeigt aber jede Unsauberkeit schonungslos auf. Dekanatskantor Jens Schawaller hat sich trotzdem auf das Abenteuer eingelassen – und setzt sogar noch einen oben drauf. Er spielt nicht auf Sicherheit, sondern traut der Montabaurer Kantorei, dem Ensemble „Il Quadro Animato“ und den Gesangssolisten mit der Bachkantate „Ein feste Burg“ (BWV 80) einiges zu.


Bachs Bearbeitung des Reformationssuperhits besteht aus acht Sätzen und zeichnet sich durch ihre Komplexität und die musikalische Interpretation des Kampfes von Gut gegen Böse aus. Schon die ersten Takte deuten an, dass die eher trockene Akustik der Musik guttut: Die raffinierte und kunstvolle Stimmführung ist stets nachvollziehbar; der einzigartige, zupackende Klang der historischen Instrumente kann sich hervorragend entfalten, statt von einer langen Hallfahne zugedeckt zu werden. Es ist schon bemerkenswert, wie wohl sich eine „alte“ Barockoboe, eine Oboe da caccia und das exotische Violoncello piccolo in einer modernen Kirche fühlen.


Auch der Kantorei scheint die Akustik nichts auszumachen. Ganz im Gegenteil: Die Vokalisten sind bei der Sache und meistern die schwierigen Melodieläufe vorbildlich. Beispielhaft für das souveräne Auftreten des gesamten Chores: die kräftigen, klar artikulierenden Männerstimmen, die die raffinierten Bezüge zwischen Text und Musik deutlich herausstellen – etwa wenn Bach den „Bösen Feind“ mit einer geradezu hinterhältig synkopierten Rhythmik darstellt. Für die vier Solisten – Hannah Gries (Sopran), Franziska Ernst (Alt), Daniel Jeremy Tilch (Tenor) und Johannes Schwarz (Bass) – ist das Ambiente ebenfalls eher Glücksfalls statt Last. Wenn Johannes Schwarz’ Bass-Rezitativ zwischen Wut und Zärtlichkeit changiert oder Hannah Gries ihre zarte Arie vorträgt, sind die Zuhörer dankbar für die Unmittelbarkeit der Akustik, die der Musik etwas ausgesprochen Intimes verleiht.


Das gilt ebenso für die Musikerinnen und Musiker: Emanuele Paolo Breda spielt die Ouvertüre in B-Dur von Georg Philipp Telemann nicht nur nach (alleine das ist angesichts der schwer entzifferbaren, handgeschriebenen Noten eine Kunst!), sondern haucht sie behutsam hin – Musik als zarte Berührung zwischen dem Interpreten und seiner Liebe, dem Instrument.

Und als am Ende Isabell Müller-Hornbachs Cello-Läufe bei Bachs Kantate (Bleib bei uns, denn es will Abend werden“ (BWV 6) durch die gut besuchte Kirche flirren, zeigt sich, dass das Experiment geglückt ist: Das Reformationskonzert des Evangelischen Dekanats Selters hat gezeigt, dass selbst anspruchsvolle Werke im anspruchsvoller Umgebung ans Herz gehen können. (bon)

Die Mitwirkenden des Konzerts:
Emanuele Paolo Breda (Violine I), Joosten Ellée (Violine II), Francesca Venturi Ferriolo (Viola da braccia), Isabel Müller-Hornbach (Violoncello und Violoncello piccolo), Jane Lazarovic (Kontrabass), Antonello Cola (Oboe da caccia), Laura Alvarado Diaz (Oboe), Yoko Tanaka (Oboe), Hannah Gries (Sopran),  Franziska Ernst (Alt),  Daniel Jeremy Tilch (Tenor), Johannes Schwarz (Bass), Susanne Schawaller (Orgel), Jens Schawaller (Leitung und Orgel), die Montabaurer Kantorei.