Die Tomatenflüsterer aus dem Lasterbachtal

Vier junge Leute bauen in Neunkirchen auf Biobasis Gemüse anNeunkirchen Gemuese1

Die Bauern stöhnen und leiden. Unter der EU, unter den Quoten, unter dem Preisverfall und jetzt auch noch unter der Hitze. Während die Nebenerwerbslandwirtschaft im Hohen Westerwald fast völlig zum Erliegen gekommen ist, denken bundesweit viele Landwirte ans Aufhören. Sliman Guergouri und Thorben Becher hingegen fangen jetzt erst richtig an mit der Landwirtschaft. Sie

bauen in Neunkirchen in großem Stil Gemüse an und vermarkten dies im Direktverkauf in einer nahestehenden Scheune. In ihrem 350 qm großen Folienhaus wachsen Tomaten, Gurken, Paprika, Auberginen, Melonen und Kräuter. Und das alles in Bio-Qualität. Sie kommen völlig ohne Chemie aus. Ihre Zusatzstoffe sind gute Böden, Westerwälder Luft, klares Wasser aus dem Dorfbrunnen und – viel Liebe zum Produkt.

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Spaten zur Geschäftseröffnung. Ortsbürgermeister Hartmut Schwarz (Bildmitte) hatte für die Familien Becher und Guergouri Handwerkzeug statt Blumen mitgebracht. Zusammen mit den Betreibern hofft er auf eine positive Entwicklung der vier Gemüseanbauer.

Unterstützt werden die beiden Gemüsebauern von ihren Frauen. Alle vier können auf ein landwirtschaftliches Studium verweisen. Bei so viel geballtem Fachwissen, gepaart mit Engagement und Begeisterung, verwundert es nicht, dass es im Folienhaus wächst, sprießt und gedeiht. In der Mitte stehen die Tomaten, die fast schon bis unters Dach wachsen und in unterschiedlichen Schattierungen rot glänzen. Unscheinbarer nehmen sich daneben Gurken, Paprika und Auberginen aus. Fast verschämt verstecken sie sich hinter grünen Blättern. Tomaten werden in verschiedenen Sorten angeboten. Die Kirschtomaten sind so süß, dass eine Kundin sie schon mit Pralinen verglich. Auf der Freifläche neben dem Folientunnel wächst im Feldversuch Rosenkohl heran.

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Das Folienhaus in der Neunkirchener Gemarkung Brechelbach

Beide Familien wohnen auch in Neunkirchen und haben ihr Projekt im Frühjahr dieses Jahres gestartet. Sehr entgegen kam ihnen bei dem Vorhaben die Ortsgemeinde, die ihnen ein Grundstück in guter Lage überlies. Becher ist von den Bodenverhältnissen regelrecht begeistert: „Von wegen Westerwälder Steinerde. Das hier ist richtig fruchtbarer Boden.“ Ortsbürgermeister Hartmut Schwarz kann das nur bestätigen: „Hier war früher das Gartengelände des Dorfes. Wir sind froh, dass dort wieder solch hochwertige Lebensmittel heranreifen“. Schwarz will dem Gemüseteam gar den Laden im Gemeindehaus anbieten um hier ihre Erzeugnisse zu verkaufen. „Darüber“ so Guergouri, “müssen wir aber erst nachdenken, wenn die erste Saison vorbei ist. Momentan sind wir völlig ausgelastet“. Dieser Sommer fordert natürlich ständige Bewässerung.

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Tomaten wohin das Auge reicht

Was im März begann, wird bereits jetzt von Einheimischen und ersten auswärtigen Kunden sehr gut angenommen. Immer samstags ab 9:00 Uhr ist ihr Stand geöffnet. Dann kann man unweit des Brechelbacher Hofes gesundes Gemüse aus ökologischem Anbau kaufen: regional, frisch und völlig ohne Chemie. Die vier „Tomatenflüsterer“ haben sich mit dem Projekt einen Traum erfüllt und gleichzeitig schon jetzt bewiesen, das Westerwälder Boden und Klima besser sind als ihr Ruf. Jetzt gehen alle noch einem Hauptbroterwerb nach, doch die Vorstellung den Gemüseanbau einmal hauptberuflich zu betreiben, spukt schon in den Köpfen. Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen, hat Helmut Schmidt einmal gesagt – oder aber am Lasterbach Tomaten anbauen.