Der älteste junge Pfarrer geht in den Ruhestand

Werner Schleifenbaum hat viele Jugendliche geprägt – Seit vier Jahrzehnten im Westerwald tätig

Werner Schleifenbaum sitzt entspannt im sonnigen Garten, auf dem Tisch vor ihm stehen Espresso und knusprige Cantuccini. Die Szene hat etwas Mediterranes. Wie ein Dia aus einem Toskana-Urlaub, mitten in Selters. Der Jugendpfarrer des Evangelischen Dekanats Westerwald mag Italien, die Genusskultur, die lässige Mode. Seine gelassene Einstellung hat ihm in den vergangenen vier Jahrzehnten oft geholfen, wenn es

beruflich stressig wurde. 36 Jahre war er im Westerwald evangelischer Pfarrer – so lange wie kaum ein anderer. Nun verabschiedet sich eine der wohl prägendsten Figuren des evangelischen Lebens in der Region in den Ruhestand und blickt zurück auf eine Arbeit, die ihn jung gehalten hat.

Anders herum gilt das übrigens auch: Schleifenbaum hat die Kirche im Westerwald jung gehalten. Nicht nur als Pfarrer in Rückeroth, sondern natürlich auch als Jugendpfarrer des Evangelischen Dekanats Westerwald. Dabei wusste der 65-Jährige anfangs gar nicht, ob er in dieser Kirche überhaupt Pfarrer werden soll. Schon als Teenager gründet er nach der Konfirmation kirchliche Jugendgruppen und singt in christlichen Bands, ist aber auch von der kritischen Haltung der 68er geprägt. „Ich wusste nicht, ob die Einrichtung Kirche und ich kompatibel sind“, sagt er. Denn damals, in den frühen 1980er-Jahren, wirkt sie auf ihn ziemlich unbeweglich, und er möchte sie zunächst einmal aus einer anderen Perspektive kennenlernen: Schleifenbaum und seine Frau Gabi teilen sich eine Küster- und Hausmeisterstelle in der Evangelischen Kirchengemeinde Freiendiez. Dort gründet er bald wieder eine Jugendgruppe, einen Jugendbibelkreis und predigt im Gottesdienst – „manchmal auch im Talar“, verrät er.

Ab 1984 trägt er das schwarze Kleidungsstück ganz offiziell: Er wird Vikar in Limburg und am 20. April 1986 in der Evangelischen Kirchengemeinde Rückeroth als Pfarrer ordiniert. Im Westerwald erlebt er, dass Innovationen eben doch möglich sind. Er tritt seine Stelle mit dem Ziel an, dass nicht etablierte Traditionen, sondern ein vitaler Glaube im Zentrum des Gemeindelebens sein soll.
Damals wie heute ist sich Schleifenbaum sicher, dass genau das die Kernkompetenz von Kirche ist: Das (Vor)Leben eines lebendigen Glaubens – übrigens nicht nur von der Pfarrperson. In Rückeroth ermutigt er Ehrenamtliche, Gemeinde zu gestalten. „Jede und jeder hat Begabungen, die sie und ihn unendlich kompetenter als den Pfarrer machen“, ist er überzeugt. „Nur so kann Gemeinde wachsen, wenn all diese Begabungen zum Einsatz kommen.“ In der Rückerother Kirchengemeinde führt das dazu, dass sich immer mehr Menschen die Frage nach ihrem persönlichen Glauben stellen, und im benachbarten Herschbach entsteht Mitte der 1990er-Jahre sogar etwas völlig neues: die Evangelische Andreasgemeinde. Die ist aus dem Projekt „Gemeindepflanzung“ entstanden, das Werner Schleifenbaum in England kennengelernt und von dort importiert hat.
Das alles fasst er unter dem Begriff Mission zusammen. „Mission bedeutet, dass die Kirche endlich ihre Hausaufgaben macht“, sagt der Pfarrer. „Sie muss aufhören, sich um sich selbst zu kümmern und dorthin gehen, wo die Menschen und deren Probleme sind. Auch Jesus hat unter Menschen gelebt und den schlechten Nachrichten der Gesellschaft seine Gute Nachricht entgegengesetzt.“

Fast 20 Jahre bleibt er mit seiner Frau Gabi und seinen Kindern Charlotte, Valentin und Adrian in Rückeroth. Durch ihn, seinen Frömmigkeitsstil und seine Ideen wird die Gemeinde geprägt. Schließlich beginnt er 2005 mit etwas Neuem: Er wird Jugendpfarrer im damaligen Dekanat Selters. Die Arbeit mit jungen Menschen verändert ihn. Denn eine Kirchengemeinde, sagt er, ist wie eine Insel. „Als Jugendpfarrer war ich plötzlich auf Hoher See. Die Jugendlichen haben mich mit gesellschaftlichen Positionen konfrontiert, die meine Sicht auf verschiedene theologische Dinge verändert haben – zum Beispiel was die Sexualmoral betrifft. Damals war ich in einigen Dingen recht konservativ. Heute sehe ich manches entspannter. Denn viele moralische Fragen, die in manchen christlichen Kreisen diskutiert werden, kommen in Wirklichkeit nicht aus einer biblischen, sondern einer konservativ-bürgerlichen Ethik.“
Ein authentischer, weiter Glaube statt Gesetzlichkeit. Das war und ist Schleifenbaum wichtig. Auch, als er mit jungen Menschen die Jugendkirche „Way to J“ gründet. „Ich habe mit den Jugendlichen viel Zeit verbracht, und sie hatten Raum, sich und ihre Begabungen zu entdecken“, sagt er. Daraus ist viel Kreatives erwachsen: neue, innovative Gottesdienstformate in der Kneipe oder im Fitnessstudio, junge Leute, die selbst den Weg in einen kirchlichen Beruf gefunden haben und Projekte, die zweimal mit dem Innovationspreis der Landeskirche ausgezeichnet wurden.
Das Wichtigste: „Way to J“ ist kein Strohfeuer, sondern hat sich etabliert – mit anderen Köpfen als noch vor 15 Jahren, aber lebendig wie eh und je. Inzwischen ist die Jugendkirche ökumenisch und wird vom katholischen Pastoralreferenten Stefan Ley und dem evangelischen Dekanatsjugendreferenten Marco Herrlich geleitet.
Und was macht Werner Schleifenbaum nach seinem offiziellen Dienstende am 30. September? „Zeit mit meiner Frau, meinen Kindern, Schwiegerkindern und bald sieben Enkelkindern verbringen. Und darüber hinaus? Ich weiß es noch nicht genau“, sagt er. „Ich weiß nur, dass der Beruf endet, meine Berufung aber nicht. Ich werde mich weiterhin einbringen: etwa in Sachen Klima und Geflüchtete wie auch in sozialen Fragen. Mit der Guten Nachricht inmitten vieler schlechter Nachrichten. Und so lange ich noch fit bin, sicher nicht von meinem Sofa aus, sondern als Mensch mitten unter Menschen.“

Der Verabschiedungsgottesdienst für Werner Schleifenbaum findet am 9. September um 18 Uhr im alten Steinbruch in Selters (an der Katholischen Kirche) statt.